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Sagen Sie mal, Herr Frost...   (STERN 33/2000)                [Stern]

"Placebo"-Musik schlägt bundesweit Wellen

Bei dem mit 100.000 Mark dotierten Kompositionswettbewerb "Musik in europäischen Gärten" hat das Stück "Trommelfeuer" von Gabriele Allendorf einen Sonderpreis gewonnen. Doch jetzt ist die internationale Jury aus Musikprofessoren, Dirigenten und Kritikern düpiert. Denn hinter Gabriele Allendorf verbirgt sich ein Komponisten-Duo aus Kleve, das sich einen Spaß erlaubt hat: Heiner Frost und Andreas Daams wollten mit ihrem absurd konstruierten "Trommelfeuer" testen, wie weit man bei einem Wettbewerb für Neue Musik kommen kann.

stern: Herr Frost, wie haben Sie sichergestellt, dass Ihnen bei "Trommelfeuer" nicht doch versehentlich Kunst gelungen ist?

Frost: Wir haben dieses Stück streng demokratisch arrangiert: Jeweils ich fünf Noten, Andreas Daams fünf Noten, ohne dass der eine vom anderen wusste. Das haben wir zusammengefügt und ein wenig frisiert.

stern: Und wie hört sich das an?

Frost: Ich möchte es niemals hören müssen.

stern: Trotzdem hat sich die Jury täuschen lassen.

Frost: Das hätte mir auch passieren können. Die Besetzung mit zehn Congas, zehn Trompeten, acht Piccoloflöten und einem Signalgeber ist außergewöhnlich. Das Stück selbst konnte die Jury nicht hören, sie musste Augenmusik beurteilen.

stern: Sie nennen das Placebo-Effekt. Was meinen Sie damit?

Frost: Davon spricht man, wenn Patienten statt echter Medikamente wirkstofffreie bekommen, und sie werden trotzdem geheilt, weil sie an die Wirkung glauben. Bei uns hat die nach allen Klischees moderner Kunst designte Verpackung die Jury über den fehlenden Inhalt hinweggetäuscht.

stern: Sind Kunstwettbewerbe also sinnlos?

Frost: Nicht unbedingt. Ich zweifle nicht daran, dass die eigentlichen Gewinner gut sind. Aber gerade bei moderner Musik haben die Konzepte mittlerweile mehr Bedeutung als Inhalte. In Zukunft sollten die Jurys besser hinschauen, wir haben vor, uns noch an einigen Wettbewerben zu beteiligen.

SYLVIA BERNDT

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