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[Dortmunder Rundschau]

Im Zelt in der Kirche St. Petri erklingt ein "geistlicher Gesang"

Ein Zelt mitten auf dem Hellweg? Steht da seit Wochen. Aber ein Zelt mitten in der Kirche St. Petri?

Etwas zur Seite gerückt, etwas angeschrägt - ein hohes Zelthaus aus dünnem Stoff zieht die Blicke auf sich. Zwei Scheinwerfer durchfluten es mit rosa Licht. Später, wenn die vier Sopranistinnen ihr Zeltgefängnis bezogen haben, geht innen langsam eine weißes Licht auf, gleichzeitig wird das Rosa von außen zurückgedimmt. Das ist alles, was das "MusikTheaterKöln", das hier aufführt, an Bühnenmitteln benutzt.

Ursula Albrechts Inszenierung "Las Canciones" ist so et­was wie eine theatrale Verdichtung, eine kontemplative Veroperung des Geistlichen Gesangs des spanischen Metaphysikers Johannes vom Kreuz, Musik Andreas Daams.

Die vier Frauen, eine ist als Braut gewandet, besingen die Liebe - und streiten sich um die Gunst des Geliebten. Natürlich ist die Braut als Braut Christi gemeint, die Liebe die Liebe zu Gott - doch die Gefühle sind menschlich.

Der Zeltkäfig zwingt zu konzentrierten Äußerungen, entkörpert aber auch die Protagonisten. Im Schimmer des Tuchs nimmt man sehr wohl die Stimmen war, weiß aber nicht, wer gerade "sagt", was zu hören ist. Nicht alles muss in dieser Konzeption verstanden werden; es geht nicht um den Inhalt, sondern eher um die Tatsache der Gebete.

Daams' Musik ist Neue Musik. Ihr instrumentaler Anteil kommt von vier Celli, die wunderbar differenzieren kön­nen, das Klangspektrum schein vom Kontrabass bis zur Geige zu reichen. Wie auch die Sopranistinnen gleich alle vier Stimmfächer vertreten.

Die Musik ist neu und trotzdem herrlich harmonisch. In ihren vierstimmigen Partien scheint sie chorische und orchestrale Fülle auszuschütten. Ein ganz eigenwilliges Theaterereignis im Rahmen des Festivals "Theaterzwang".

RAINER WANZELIUS

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