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Der Gesang der Winde

Kammeroper "Las Canciones"

"Denn wer könnte niederschreiben, was er den verliebten Menschen zu verstehen gibt, sie erfühlen, sie ersehnen läßt," fragte der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz. Er schrieb mit seinem "Geistlichen Gesang" ein Kompendium mystischer Erfahrung, das das Liebessehnen des Menschen auf der Suche nach der Begegnung mit Gott zum Ausdruck bringt, wie vielleicht kein anderes Werk.

Auf diesen "Canciones" basiert die gleichnamige Opernproduktion des MusikTheaterKöln, die nach einer erfolgreichen Kölner Premiere jetzt in der Klever Stadthalle eine beeindruckende Aufführung erfuhr. Der Komponist Andreas Daams vertonte die Strophen voller Bilder und Gleichnisse in einer den Text illustrierenden, tonmalerischen Weise.

Er schuf einen Dialog zwischen vier Sopranstimmen und vier Celli, der sich durch alle Ebenen der musikalischen Kommunikation bewegt - hervorragend interpretiert unter der musikalischen Leitung von Jörg Ritter. Die szenische Umsetzung von Ursula Albrecht mit der Bühnengestaltung und Kostümen aus der Hand von Marpa Schneider bestach durch transparente, konzentrierte Mittel: Die Hauptwinde, verkörpert von vier verschiedenen Frauengestalten als Facetten des menschlichen Sehnens und Verlangens bewegten sich in unendlichen Variationen in den vier Wänden des zunächst glutroten Hauses. Beeindruckend differenziert zwischen Arioso und Sprechgesang: Eun-Young Lee, Marian Amdisen, Gabriele Natrop-Kepser und Elena Fink.

Die vier Nebenwinde (am Cello Martin Burkhart, Donja Djember, Florian Hoheisel und Antje Renner) schufen mit Glissando und Tremolo, im Unisono oder mit hauchendem Flageolett den Sopranstimmen antwortende Kantilenen. Im sich dramatisch steigernden Verlauf des Dialogs mit dem göttlichen Bräutigam changierte das erleuchtete Haus zum reinen Weiss, hin zur erfüllten Begegnung. Auch eine moderne Kammeroper muss auf das gewohnte Da Capo, auf Rezitative und ein Ostinato nicht verzichten!

Hier beeindruckte eine Stunde gelungenes Zusammenspiel von Musik, Inszenierung und Interpretation ganz im Geiste der Textvorlage. Klare Ausdruckselemente stellen die mystische Aussage des "Geistlichen Gesanges" aus dem 16. Jahrhundert in den Vordergrund und verschufen ihm eine moderne Darstellung, die den zeitlosen Charakter dieses Textes spürbar macht. Karl Kemper bewies mit der Programmierung dieser Oper einmal mehr eine glückliche Hand. Ein zahlreiches, begeistertes Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus. Mehr davon!

SIGRUN SPEH

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