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[Rheinische Post]

Brautgesang in der Enge eines transparenten Zeltes

Nichts ließ während der hiesigen Erstaufführung die Ausstrahlungskraft der von Andreas Daams geschriebenen Kammeroper "Las Canciones" wohl sinnfälliger spüren als die angespannte Stille im Saal. Zu sehr berührte bei aller zunächst vordergründigen Ferne von Thema, Musik und Darstellung durch das MusikTheaterKöln der hier künstlerisch mehrschichtig verdichtete und ineinandergreifende Kern dieses einstündigen Einakters. Der Textautor Johannes vom Kreuz (1542-1591) projiziert die alle rationale Erkenntnis übersteigende unmittelbare Erfahrung einer göttlichen Realität auf eine Braut mit ihrer Sehnsucht nach ihrem Geliebten, letztlich ein Symbol für eine gläubige Seele in Erwartung des kommenden Christus.

Es war eine glückliche Fügung, dass der 28-jährige Klever Komponist und die Theater-Intendantin Ursula Albrecht ihre verwandten Interessen in dieses gemeinsame Projekt "Las Cantiones" investieren konnten. Die exklusive sparsame Wahl der musikalischen und szenischen Mittel (Dramaturgie: Moritz von Rappard) konzentrierte die Aussage des geistlichen Gesangs auf das Wesentliche. Mit Bedacht vertraute der Komponist alle, zumeist der Braut zufallenden Strophen gleich vier Sopranistinnen (als "Hauptwinden") an, weil so in der Spanne vom gesprochenen Text bis zum gesungenen Quartett sich der Inhalt musikalisch weitaus differenzierter nachzeichnen lässt. Dabei blieb es weitaus wichtiger, dem Hörer die Atmosphäre als jedes Wort zu vermitteln. Unter dem Dirigat von Jörg Ritter steigerten die klaren und ausdrucksmächtigen Stimmen von EunYoung Lee und Elena Fink (Koloratursoprane), Marian Amdisen (Dramatischer Sopran) und Gabriele Natrop-Kepser (Lyrischer Sopran) ihre Melodielinien einfühlsam und kordial vom Solo bis zum subtilen wie energiegeladenen Ensemblechor, dessen lupenreiner Klang vor allem im ungewohnten Diskantbereich imponierte.

Sphärischen Charakter hatte oft auch die Musik der Cellisten Martin Burkhart, Donja Djember, Florian Hoheisel und Antje Renner, deren saubere Passagen die Vokalpartien trugen und kontrastierten. Daams traf durch seine Tonsprache zwischen fast statisch anmutenden Klangschichten neben einer Art Minimalmusik mit halbtonartig kreisenden Bewegungen bis zu lebendigeren größeren Formen den Geist damaliger Mystik wie heutiges Daseinsgefühl, ohne hier stehen zu bleiben. Dem Anliegen dienten Marpa Schneiders Bühnenbild und Kostüme für die Sopranistinnen. Deren kleiner Aktionsraum im transparenten Zelt war quasi ein Symbol für die Enge und Einsamkeit, die kaum einem Menschen fremd sind.

Immer wieder wurden Komponist, Künstler und Verantwortliche ins Rampenlicht geholt und von den rund zweihundert Besuchern mit immensem Applaus überschüttet.

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